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among the ruins -- a tribute to die kreuzen
m. :: musik :: 26 August 2007 :: 00:14
in diesem beitrag möchte ich mich einer relativ unbekannten und auch schon seit 15 jahren nicht mehr existenten band aus milwaukee widmen. warum? sie sind eines der wichtigsten musikalischen ereignisse meines lebens, und das, obwohl ich leider nie die ehre hatte, sie live zu hören. dan kubinski hat nicht gesungen, brian egeness hat nicht gitarre gespielt, keith brammer und eric tunison waren keine rhythmusbasis, und die kreuzen haben keine songs geschrieben. die vier haben vielmehr grenzen gesprengt und mauern durchbrochen. erst auf ihren ruinen konnte so etwas wie grunge entstehen.
die kreuzen wirkten von 1981 bis 1992 und lösten sich auf, als nirvanas nevermind dazu anhob, das musikalisch-stilistische establishment aufzumischen. produziert hatte jenes album butch vig, der in der vorangegangenen dekade auch einen großteil der kreuzen-veröffentlichungen verantwortete. für einen produzenten müssen die kreuzen ein geschenk des himmels gewesen sein, denn hier war das betreten von neuland, pionierarbeit noch möglich. ich gehe jedenfalls davon aus, daß vig mindestens ebensoviel aus dieser zusammenarbeit für sich herausziehen konnte wie die kreuzen.
daß die band im mainstream nicht sonderlich bekannt wurde, könnte zum einen daran liegen, daß sie ihrer zeit in gewisser weise voraus waren. nur wäre eventuell das, was nach ihnen kam, ohne sie nie gekommen. man weiß es nicht. ich erlebe aber auch heute immer wieder, daß ihre alben selbst für musikliebhaber harte brocken sind. sie werden als anstrengend empfunden, müssen mehrmals gehört (oder besser "durchgearbeitet") werden, bevor faszination spürbar wird. diese arbeit macht sich nicht jeder, vor allem wenn die zeit knapp ist und es regale voll von veröffentlichungen gibt, die schon beim ersten anhören großes gefallen verursachen. diese musik ist nicht selbsterklärend, auch ihre emotionale botschaft nicht plakativ, sondern fast schon abstrakt verdichtet. diese dichte wurde erst möglich durch die schon angedeuteten grenzüberschreitungen.
mit worten ist gar nicht zu vermitteln, worin das ungewöhnliche moment in der musik von die kreuzen besteht. es ist im wahrsten sinne unfaßbar; diese umschreibung klingt allerdings so sensationell, daß man wiederum fast enttäuscht sein muß, wenn man zum ersten mal etwas von ihnen hört. bass, gitarre, schlagzeug und stimme -- warum der hype? nun, ich weiß es auch nicht. aber mich machen sie seit etwa 20 jahren immer wieder fassungslos. ich begreife nicht, wie ein so atemberaubendes wunder wie "no. 3" entstehen kann. diese nummer war meine erste begegnung mit die kreuzen, sie lief abends als neuvorstellung in einer rock-sendung im radio. ich hatte sie zufällig mitgeschnitten, hörte sie direkt nach der sendung noch ein paar mal, hörte sie vor der schule nochmal, und konnte den ganzen tag an nichts anderes denken, als: ich will zurück nach hause und diese offenbahrung noch einmal erleben! eine der wenigen ganz großen lieben für's leben.
an "no. 3" läßt sich zumindest noch ein konkretes experimentelles merkmal benennen: die gitarre spielt durch das ganze stück melodie-motive aus wenigen tönen, die sich durch einen echo-effekt (delay) jedoch wie ein ganzes gitarrenorchester geben. im kontrast dazu kommen vom bass meist ganze akkorde -- ein bißchen verkehrte welt. aber weder das noch dans gesang, der einem besonders in den geschrienen passagen einfach einen klos im hals erzeugt, können befriedigend erklären, warum "no. 3" in mir höchste unruhe auslöst. dieser wahnsinn packte mich glaube ich erst wieder, als mtv zum ersten mal das "sober"-video von tool sendete.
letztes jahr geschah ein weiteres kreuzen-wunder: erosion records veröffentlichte lean into it -- a tribute to die kreuzen. tribute-sampler sind manchmal ganz nett, ich habe aber noch nie einen gehört, wo ich nicht wenigstens die hälfte der beitrage schlecht, unwürdig oder -- im schlimmsten fall -- langweilig fand. gegeben meine tiefe verehrung für die kreuzen machte ich mich auf ähnliche katastrophen gefaßt, als ich diesen sampler zum ersten mal ins cd-fach schob. aber um die aufgebaute spannung gleich wieder zu zerlegen: lean into it ist der mit großem abstand beste tribute-sampler, den ich jemals gehört habe. er klingt nämlich an keiner stelle wie eine zusammenstellung, auf die jede band einfach nur wegen des namens mit drauf will (manchmal hat man ja den eindruck, die "tribut" zollenden kannten die band vorher gar nicht und haben ihren titel aus deren back-katalog per los bestimmt). als kreuzen-fan erzeugt schon der instrumental-auftakt "melt" von season to risk eine sehr angenehme gänsehaut, weil man tatsächlich das original erkennt, obwohl es würdevoll selbst interpretiert wird (das stück ist in experimentierfreudiger manier auf die cd-tracks 1 und 16 verteilt). einige beiträge konstruieren das original bis zur unkenntlichkeit um, und kommen dabei trotzdem beeindruckend nah an dessen seele heran. was jaggernauts beispielsweise aus "slow" machen ist der reine wahnsinn! andere beispiele für gekonnt freie eigeninterpretationen sind "imagine (among the) light" von colossamite -- ein total verrücktes instrumental-medley aus dem beiden kreuzen-titeln "among the ruins" und "imagine a light" --, "elizabeth" von st. ellas -- völlig schräg --, "pain" von beekler -- fast folk-rock, traumhafte streicher --, "think for me" von mad trucker gone mad -- country-like --, oder eben "no. 3" in der fassung von aluminium knot eye. letztere geben dem monument das klanggewand von 1980er bontempi-orgeln und ghoul-punk a la 45 grave. es animiert unmittelbar zum schmunzeln, und das ist hier ebenso kunstvoll, als würde es sich beim original um goreckis symphony of sorrowful souls handeln.
das erste kreuzen-album von 1984 (einfach die kreuzen betitelt) ist auffällig überrepräsentiert. retrospektiv fällt es etwas aus dem gesamtwerk heraus, denn hier prügeln sie 21 ganz durcharrangierte stücke in weniger als einer halben stunde herunter. das war schon aufsehenerregend (in einer legendären plattenkritik hieß es damals schlicht "this is fucking great! this is fucking great! this is fucking great! this is fucking great! [...]"), aber später ließen sie sich meist mehr zeit. in der sprint-disziplin brillieren z.b. brutal truth mit "rumors", napalm death mit "i'm tired", the catastrophe mit "on the streets", bound to tone mit "fuckups" und bionic mit einem ganz großartigen "all white"-gehäcksel. die späteren werke verlangen vielleicht noch etwas mehr fantasie? "stomp" ist einmal von mike watt (mit bläsern) und einmal von bait (industrial) zu genießen.
zu meinen besonderen favoriten gehören jedoch die mächtig fette "among the ruins"-version von traindoge, und "man in the trees" von voivod. voivod haben sich ja schon in frühen jahren als kreuzen-fans geoutet, und ich finde, das war auch vor allem dennis' gitarrenarbeit etwas anzuhören (möge der gute in frieden ruhen -- sein früher tod hat mich tief geschockt). von allen gitarristen versteht er meinem empfinden nach auch am weitesten, wie die komplexen arragements und harmonien funktionieren.
bei 24 beiträgen finden sich in meinen ohren natürlich auch versuche, die nicht ganz überzeugen. aber eigentlich sind es nur zwei: "big bad days" (miner) und "over and the edge" (garlic frog diet) -- interessanterweise sind es die beiden einzigen titel des letzten kreuzen-albums cement (1991), und ich empfinde es nicht als blamabel für die genannten bands, sie nicht gut getroffen zu haben. vielmehr kann man ihnen regelrecht anhören, wie sie daran verzweifelt sein müssen, aus den harmoniehieroglyphen einer band schlau zu werden, die sich auf dem lange erarbeiteten höhepunkt ihres musikalischen schaffens befand. beide stücke sind über weite strecken sogar ziemlich gelungen, aber dann fallen sie in harmonien, die klingen, als ob sie einfach nicht nachvollziehen konnten, was die kreuzen da gespielt haben. das ist bei diesen titeln nur leider sofort fatal.
in den linernotes gibt niemand geringerer als thurston moore (sonic youth) zu bedenken, daß die kreuzen zu jener zeit "thee best band" der usa gewesen seien und räumt ihnen sogar musikalische einflußnahme auf die eigene arbeit ein. recht hat er, und dieser ausgezeichnete tribute-sampler ist ein würdiges denkmal. daß er überzeugt könnte daran liegen, daß er über eine projektlaufzeit von knapp zehn jahren(!) entstand. ich bitte zukünftige tribute-unternehmungen, sich hieran ein beispiel zu nehmen. immerhin sollen sie dazu beitragen, jemanden in guter erinnerung zu behalten -- und nicht eine legende zu stürzen. mit anderen worten:
this is fucking great! this is fucking great! this is fucking great! this is fucking great! this is fucking great! ...
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