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als sänge sie aus der sonne
m. :: musik :: 25 Januar 2008 :: 23:12
gestern abend fanden im maschinenraum des historischen feuerschiffs im hamburger hafen die veröffentlichungsfeierlichkeiten zum neuen album von milù statt -- "longing speaks with many tongues" ist heute erschienen. ich durfte mich so glücklich schätzen, den geladenen gästen anzugehören, und muß diesem einmaligen abend einfach ein paar worte widmen.
liebe zum detail zahlt sich aus. so spricht nicht nur aus der ortswahl für das konzert großes gespür für das besondere. auch der verzicht auf elektrisches licht zugunsten eines kerzenmeeres tat sein übriges. nach einer kurzen ansprache, die allen anwesenden noch einmal die außergewöhnlichkeit des abends bewußt machte, betrat anke mit ihrem dreiköpfigen ensemble -- verantwortlich schlagzeug/percussion, bass/gitarre und keyboards -- die bühne.
ob es aus solidarität mit den ausgedrechten glühlampen war, oder das gerät sich in dieser atmosphäre selbst unpassend fand, sei einmal fragend dahingestellt -- tatsache ist, daß das apple-notebook nicht zur mitarbeit mit dem keyboard zu bewegen war. theoretisch ist es ein wirksamer showstopper, wenn ein drittel des instrumentariums gleich zum geplanten auftakt keinen ton von sich gibt. anke fing jedoch einfach an zu singen und wurde spontan von lars am schlagzeug begleitet. was für eine overtüre: bald auch mit bass unterlegt, zeichneten die drei im laufe des improvisierten starts schon einmal die ganze emotionale bandbreite der kommenden stunde vor. ich erinnerte mich wieder ganz praktisch an die gänsehaut, die mich während meines ersten mila-mar-konzerts (1999 im leipziger schauspielhaus) lähmte. mir wurde plötzlich warm im bauch, ihr müßt mir glauben, daß es nicht am wein lag (der war, so viel sei am rande bemerkt, durchaus gut, wenn auch etwas zu kühl ausgeschenkt).
es half alles nichts, der mac blieb auch von neustartkaskaden, flehen und ritueller improvisation gänzlich unbeeindruckt. zu verständlich: die vier orderten auf diesen schreck gleich zu beginn erst einmal eine runde schnaps. ich wäre auf der bühne glaube ich schon gestorben, aber wir hatten glück im unglück: hinter einem vorhang stand noch ein klavier. so wurde ein schlagzeug-overhead in windeseile zum klavierkasten-mikro umfunktioniert; leider muß sich dirk nun nur mit dem rücken zum raum setzen.
aber dieser ganze trubel war mit einem mal wie ungeschehen, als es tatsächlich begann. da es sich um noch ungehörte stücke handelte, fehlte mir natürlich der qualifizierte vergleich, aber während der führung durch das neue werk dachte ich immer wieder voller bewunderung, wie gut das klavier den klang von ankes stimme trägt. es klang mehr wie frischer joghurt mit echten erdbeeren aus dem eigenem garten, statt plastebecher mit farb- und aromastoffen. und aber ja diese stimme: als sänge sie direkt aus der sonne. in dieser musik klingt die ganze, millionen jahre brennende erotik eines am eigenen leuchten sterbenden sterns. nennen wir es ruhig das nackte leben. ich bin nun überzeugt: es ist nicht immer angenehm, ein strahlendes inferno im innern tragen zu müssen, auch wenn wir uns gerne darin sonnen. von stiller zerbrechlichkeit bis prachtvollen blütenströmen, innerer enge bis selbsterfüllter auflösung in alle himmel, vom hilflosen flehen bis zur rettenden hand drangen diese klänge vor, und nahmen mich völlig mit. ich weiß nun wie es sich anfühlt, wenn man wieder jünger wird. die macht der lebendigkeit, mit ihrer ganzen schwere, in ton gewebt und in der brust wieder geöffnet: auch das muß eine liebe sein.
es gab überhaupt nur ein einziges kleines detail, an dem ich mich wirklich störte: das mobiltelefon eines fotografen und die respektlosigkeit seines besitzers, einen eingehenden anruf während des konzerts nicht nur anzunehmen, sondern ihm auch zwei störend hörbare minuten zu widmen. dagegen war das ausgefallene instrument nicht der rede wert. seine kollegin schien -- den gesichtsausdruck deutend -- ähnlich darüber zu denken. das macht sie mir gleich sympathisch, und rettet ihre zunft in meinem ansehen.
im april gibt es eine tour, und da wollt ihr alle hin, das habe ich gestern gelernt. zweifelsohne gehört auch dieses album in jede leidenschaftlich gepflegte sammlung. da es bei musik immer so ist, daß jemand in gewisser weise ein leben dafür gibt, daß ihr sie haben könnt: schaltet gefälligst eure handys aus, wenn ihr es hört!
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